19 Mär

Termine und Zeiten

19.03.2019 – 19.03.2019 · 19:30 Uhr

Veranstaltungsort

Aula Alte Steige
Alte Vockenroter Steige 1
97877 Wertheim

Veranstalter

Badische Landesbühne

Badische Landesbühne: "Amerika"

"Der Verschollene" lautete der ursprünglich von Franz Kafka intendierte Titel für seinen unvollendeten Roman. Dessen Themen – Isolation und Fremdheit, Konflikte mit Vaterfiguren, Scheitern und das Gefühl des Ausgeliefertseins an anonyme Mächte – sind exemplarische Themen Kafkas, einem der wichtigsten Autoren der Moderne.

Der amerikanische Traum ist ausgeträumt

 

Am Dienstag, 19. März, zeigt die Badische Landesbühne in Wertheim Franz Kafkas Romanfragment Amerika. Die Inszenierung von Carsten Ramm beginnt um 19.30 Uhr in der Aula Alte Steige.

Vor der Vorstellung findet um 19 Uhr eine Einführung in die Produktion statt, zu der alle Interessierten herzlich eingeladen sind.

 

Kafkas Romanfragment handelt von Karl Roßmann, einem 17-jährigen Deutschen, der auf einem Passagierschiff im Hafen von New York ankommt. In seiner Heimat wurde er von einem Dienstmädchen verführt. Sie hat von ihm ein Kind bekommen. Um den Vorfall zu vertuschen, haben die Eltern ihren Sohn nach Amerika verschickt. Karls Odyssee durch das fremde Land beginnt.

 

Herr Ramm, mit Amerika zeigen Sie nicht zum ersten Mal einen Roman Franz Kafkas auf der Bühne.

Nein, ich habe mich an der Badischen Landesbühne immer wieder mit Franz Kafka befasst. In der Spielzeit 2001.2002 habe ich seinen Roman Das Schloss inszeniert, 2006.2007 Process_Matrix, Kafkas Der Prozess ergänzt mit Motiven aus Science-Fiction-Literatur und -Filmen, und zuletzt in der Spielzeit 2014.2015 die Erzählung Der Bau. Zum einen fasziniert mich an diesem Autor die sprachliche Präzision. Zum anderen wimmeln Kafkas Texte von Konflikten, und Theater lebt von Konflikten. Sie sind bei Kafka offensichtlich oder unterschwellig, oder banal – und durch die Art, wie Kafka sie beschreibt, werden sie zu existenziellen Nöten der Figuren. Die Protagonisten reiben sich auf an Instanzen und Autoritäten, an Verhältnissen und Strukturen, in denen sie gefangen sind. Ihre ganze Umwelt wird ihnen zu einem undurchschaubaren Rätsel und ihre Versuche, sich dagegen aufzubäumen, sind mal tragisch oder komisch, aber immer zum Scheitern verurteilt. In Kafkas Texten spiegelt sich das Lebensgefühl der Moderne wider, die Angst in einer zunehmend unübersichtlicher werdenden Welt verloren zu gehen. Daher haben sie bis heute nichts von ihrer Gültigkeit verloren.

 

Kafka hatte als Romantitel eigentlich Der Verschollene im Sinn. Sie halten an dem Titel fest, unter dem der Text zunächst von Max Brod publiziert wurde: Amerika.

Das ist natürlich eine bewusste Entscheidung. Sie unterstreicht, was mich bei der Beschäftigung mit Kafkas Erzählung am meisten interessiert: Was verbinden wir mit diesem Wort, Amerika? Wofür stand dieser Name, dieser Kontinent, dieses unendliche Land, als sich im 19. Jahrhundert Millionen von Europäern aufgemacht haben, dort ein neues Leben zu beginnen? Was verbindet meine Generation mit Amerika, mit den Vereinigten Staaten? Da gab es das Versprechen „Alles ist möglich“, das uns insbesondere über Musik und Filme erreicht hat. Und was hat sich daran in den letzten Jahren verändert? Wie schön wäre es, wenn der amerikanische Traum heute noch geträumt werden könnte; wenn er nicht vollständig von Geschäftemachern angeeignet worden wäre – das ist der gedankliche Ausgangspunkt meiner Inszenierung.

 

Was genau hat der amerikanische Traum mit Franz Kafka zu tun?

Zunächst ist der amerikanische Traum das Versprechen vom sozialen Aufstieg: „Wir mögen bettelarm sein, aber wir werden hart arbeiten und es nach oben schaffen.“ Dieses Versprechen ist sicher in vergangenen Jahrhunderten für manchen in Erfüllung gegangen, auch wenn nicht jeder Tellerwäscher Millionär geworden ist. Interessanterweise wird es jedoch bei Kafka verkehrt. Einen Vorgeschmack dieser Verkehrung gibt schon das erste eindringliche Bild: die Freiheitsstatue mit dem Schwert in der Hand. Karl Roßmann kommt zunächst mit nur wenigen Habseligkeiten in New York an. Glücklicherweise trifft er auf seinen Onkel, der ein reicher Unternehmer ist und das Amt eines Senators bekleidet. Von ihm wird Karl zunächst protegiert, dann jedoch verstoßen – zum zweiten Mal in seinem Leben und aus nur schwer nachvollziehbaren Gründen. Von da an geht es für Karl auf der sozialen Leiter nur noch abwärts, seine Freiheit wird zunehmend eingeschränkt, er wird schließlich zu einer Art Haussklave bei der Sängerin Brunelda. In meiner Inszenierung will ich aber ebenso den Abstieg der anderen Figuren verfolgen, Figuren, die nicht mehr zum System gehören, die ausgesondert wurden. Um sie herum baut sich jedoch ein neues System auf, ebenso unmenschlich wie das, aus dem sie bereits herausgedrängt wurden. 

 

Ihr Amerika kennt also keine Gewinner?

Nein. Auch eine Figur wie der Senator hat die Sonnenseite des Lebens schon lange nicht mehr gesehen. Er ist schon lange kein Senator mehr – vielleicht ist er nie einer gewesen. „Senator“ ist jedenfalls nur noch sein Spitzname. Kafka beschreibt eine Welt, in der ein Mensch keinen Wert mehr hat, weil er für die Gewinnmaximierung nicht mehr notwendig ist. In einer Welt der Massen wird das Individuum nicht mehr gebraucht, weil die Massen reibungslos funktionieren: sowohl als Produzenten als auch als Konsumenten. Das ist die Reinform des Kapitalismus, Sie kann gestört werden, wenn sich das Individuum auf seinen individuellen Wert besinnt. Hier muss der Kapitalismus sich wehren, hier braucht er den Faschismus. Das störende Individuum wird mit Gewalt unterdrückt oder, wenn es gar nicht anders geht, beseitigt. Wer nicht richtig funktioniert, darf nicht mehr dazugehören.

 

Kafkas Protagonist Karl Roßmann durchläuft verschiedene Stationen, wo er dieses Ausgestoßenwerden immer wieder erfährt. Hat ihre Inszenierung einen konkreten Ort?

Die Figuren treffen sich Tag für Tag an einem Ort am Rande der Gesellschaft. Wir haben uns für einen Ort entschieden, an dem früher die Träume einer besseren Welt, die Träume von Aufstieg, Reichtum, Glück – also der amerikanische Traum – geträumt wurde: das Kino. Bei uns handelt es sich um ein verfallenes Autokino, in dem schon lange kein Film mehr gelaufen ist. Die Filme unserer Figuren laufen in ihren Köpfen, ihre Geschichten müssen sie selbst spielen.

 

Mit: Evelyn Nagel, Elena Weber; Colin Hausberg, Markus Hennes, Stefan Holm, David Meyer, Markus Wilharm, Inszenierung: Carsten Ramm, Bühnenbild/

Lichtgestaltung: Tilo Schwarz, Kostüme: Kerstin Oelker, Musik: Ziggy Has Ardeur

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Vorverkauf und Informationen zum Abo:
Buchhandlung Buchheim, Tel. 09342/1320

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